Carl-Brilmayer-Gesellschaft e. V.

Christian Erbach: Ein Meister der Kirchenmusik (um 1568 - 1635)

Gau-Algesheim. Historisches Lesebuch, 1999, S. 143-149

Friedrich W. Riedel (1985)

1985, im „Europäischen Jahr der Musik“, jährt sich nicht nur zum dreihundertsten Male der Geburtstag von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Domenico Scarlatti, zum vierhundertsten Male der Geburtstag von Heinrich Schütz, sondern auch zum dreihundertfünfzigsten Male der Todestag des bedeutendsten rheinhessischen Komponisten Christian Erbach.

Er stammt aus der ehemals kurmainzischen Stadt Gau-Algesheim, wohin seine Vorfahren aus dem rechtsrheinischen Ort Erbach übersiedelt sein dürften. 1543 ist ein Peter von Erpach in Gau-Algesheim nachweisbar. Dieser oder sein Sohn Hengen von Erpach war der Vater von Christian Erbach, der zwischen 1568 und 1573 geboren wurde. Das Geburtsdatum ist nicht zu ermitteln, wie auch jegliche Nachrichten über Kindheit und Jugend fehlen. Daß er „von jugent auf der lieben kunst der music beflissen“ gewesen sei, teilte Erbach später mit.

Als erster Lehrer kommt der Gau-Algesheimer Schulmeister (Ludirector) Johannes Wigand in Frage, dessen Sohn Gordian 1610 Erbach auf einer Romreise in Augsburg besuchte. Die weitere Ausbildung könnte bei den Jesuiten in Mainz erfolgt sein. Schon frühzeitig scheint der Jüngling das Lauten- und Orgelspiel erlernt zu haben. Aus seinem Nachlaß ist das 1574 gedruckte Lautenbuch von Melchior Neusiedler erhalten, aus dem er offenbar studiert hatte und das er mit zahlreichen eigenen Orgelkompositionen zusammenbinden ließ. Über eine Studienreise nach Venedig, wie sie damals viele junge Musiker unternahmen, ist nichts bekannt.

Um 1595 kam Erbach nach Augsburg und wurde als Organist in die Kapelle des Grafen Marcus II. Fugger, zu dessen Hochzeit mit Maria Salome von Königsegg am 16. November 1598 er ein achtstimmiges „Votum nuptiale“ komponierte. Die freie Reichsstadt Augsburg, zugleich Bischofssitz und Residenz vornehmer Geschlechter wie des Hauses Fugger, erlebte in jenen Jahrzehnten nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 ihr „goldenes Zeitalter“. Der Kupferhandel und die Finanzpolitik der Häuser Fugger und Welser bildeten die wirtschaftliche Grundlage, auf der sich vor allem Textilweberei, Goldschmiedekunst und Buchdruckerei entfalten konnten. Der Baumeister Elias Holl gab seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts mit bedeutenden Schöpfungen wie dem Rathaus, dem Zeughaus und zahlreichen Patrizierhäusern der Stadt ihr spezifisches, als deutscher Renaissance-Stil zu bezeichnendes Gepräge. Gleichzeitig blühte die Musik am Dom, in den Stiften und Gymnasien und an den Höfen der adeligen Patrizier. Enge Beziehung zu Italien, vor allem nach Venedig, prägten den Musikalienhandel und das Repertoire der Kapellen. In kaum einer anderen deutschen Stadt dürften damals so viele bedeutende Komponisten gewirkt haben. Sie standen im Dienste des Domes und der übrigen Stifte, des Rates und vor allem des Hauses Fugger. Zu nennen wären in erster Linie Adam Gumpelzhaimer als Kantor an der evangelischen St. Anna-Kirche, Gregor Aichinger als Domkapellmeister und Hans Leo Haßler als Leiter der Stadtpfeiferei. Die meisten Musiker begannen ihre Laufbahn in fuggerschen Diensten und blieben auch später mit diesem kunst- und musikliebenden Hause als Organisten verbunden.

Christian Erbach erwarb sich in Augsburg rasch hohes Ansehen. Bereits 1596 erschien seine erste Komposition, eine fünfstimmige Litanei in einem Münchner Sammeldruck. Aus den zwei folgenden Jahren datieren die handschriftlich überlieferten „Psalmi Vespertini“ und der „Farrago cantionum“. Im Jahre 1600 erschien sein erstes selbständiges gedrucktes Opus, die „Modi Sacri sive Cantus Musici, ad Ecclesiae Catholicae usum“, seinem Dienstherrn, dem Grafen Marx Fugger gewidmet. Im folgenden Jahrzehnt för-derten die Druckpressen der Verleger Johann Praetorius in Augsburg und Adam Meltzer in Dillingen zahlreiche Sammlungen von Motetten, liturgischen Kompositionen und deutschen geistliche Gesänge an das Licht der Öffentlichkeit. Die Werke fanden rasch weite Verbreitung im ganzen süddeutschen Raum, wie die Inventare der Innsbrucker Hofkapelle wie auch der österreichischen Benediktinerstifte Kremsmünster und Göttweig zeigen.

Mittlerweile war Erbachs Ruf als Organist und Orgellehrer so weit gedrungen, daß sich ein großer Schülerkreis um ihn bildete. Manche Höfe, z. B. Innsbruck und Dresden, sandten begabte junge Musiker nach Augsburg zur weiteren Ausbildung bei Erbach. Zahlreiche seiner Schüler erlangten später angesehene Positionen an Hof- und Domkapellen, so der Dresdener Hoforganist Johann Klemm, der Grazer und spätere Würzburger Domorganist Heinrich Pfendner oder der Mainzer Domkapellmeister Daniel Bollius. Von seinen Schülern forderte Erbach, daß „jeder ein clavicordi oder instrument (Clavicembalo) habe, ... auch ein cartell oder eselshaut, ... darauff er lerne den contrapunct und componiren.“ Die Schüler wohnten bei ihm und zahlten 100 Reichstaler jährlich für Unterricht, Kost und Wohnung. Daniel Bollius, der spätere Mainzer Domkapellmeister, empfahl 1613 Christian Erbach als Lehrer, „weihln er diser zeit und sonderlich in compositione nit allein das prae, sondern auch in instruendo dermassen so vleissig, daß wo miglich ers einem wie man sagt eingiessen köndte, es nicht unterlasen würdte.“

Inzwischen hatte sich Erbach in führende Positionen des Augsburger Musiklebens emporgearbeitet. 1602 erhielt er das Organistenamt am Kollegiatstift St. Moritz. Als Hans Leo Haßler von Augsburg nach Nürnberg übersiedelte, bewarb er sich um dessen Nachfolge als Organist der Reichsstadt und Haupt der Stadtpfeifer. Als sein Gönner Graf Marx Fugger 1614 starb und die Kapelle aufgelöst wurde, empfahl ihn der Domkapellmeister Georg Metzler dem Kapitel als den „besten Organisten und Komponisten in Deutschland“ für die Vertretung des greisen Domorganisten Erasmus Mayr, dessen Stelle er 1625 endgültig erhielt. Ein Jahrzehnt lang gestaltet er - neben dem Domvikar Gregor Aichinger - die Musik in den feierlichen Gottesdiensten der Kathedrale, in denen das Orgelspiel und die mehrchörige Musik nach venezianischem Vorbild eine wichtige Rolle spielte. Die Nöte des Dreißigjährigen Krieges und die zweimalige Besetzung Augsburgs brachten das Ende des „goldenen Zeitalters“. Der Niedergang von Handel und Handwerk sowie eine Pestepidemie minderten nicht nur die Bevölkerung, sondern auch den Wohlstand. Im Sommer 1635 sah sich das Domkapitel gezwungen, seinen hochverdienten, bisher hochdotierten Organisten aus finanziellen Gründen zu entlassen. Kurz darauf ist Christian Erbach gestorben. Das Datum ist nicht überliefert, da während der schwedischen Besetzung keine Matrikeln geführt wurden. Seine Witwe heiratete im folgenden Jahr den Hausmeister des Grafen Ottheinrich Fugger. Der 1603 geborene Sohn Christian Erbach der Jüngere hat ebenfalls Kompositionen hinterlassen. Er starb 1645 in Augsburg.

Erbachs musikgeschichtliche Bedeutung ist vor allem darin zu sehen, daß er durch sein Wirken und Schaffen zusammen mit Gregor Aichinger, Hans Leo Haßler und Adam Gumpelzhaimer die Stadt Augsburg am Beginn des 17. Jahrhunderts zum führenden deutschen Musikzentrum werden ließ, in seiner Bedeutung und Ausstrahlungskraft nur Venedig vergleichbar. Durch ihre große Schülerzahl und eine Fülle von Publikationen haben diese Augsburger Meister des Frühbarock Musikpflege und Kompositionsstil in den Hofkapellen, Klöstern und Reichsstädten des deutschsprachigen Raumes in starkem Maße beeinflußt. Christian Erbach kann neben dem Amsterdamer Jan Pieterszoon Sweelinck als der bedeutendste Lehrmeister seiner Zeit angesehen werden. Seine Werke für Tasteninstrumente, die seit einigen Jahren in einer vollständigen Neuausgabe vorliegen, umfassen virtuose Toccaten und die kontrapunktisch gearbeiteten Fugen-Typen des Ricercars und der Canzona, ferner Introiten (Einzugsmusiken) und Versetten für den liturgischen Gebrauch. Die ausnahmslos handschriftlich verbreiteten Stücke erfreuten sich großer Beliebtheit bis ins 18. Jahrhundert, wie die Überlieferung in Wiener Orgelbüchern zeigt.

Nicht minder geschätzt waren Erbachs Vokalwerke, die fest in der Liturgie des feierlichen Hochamtes und Offiziums verwurzelt sind und aus der liturgischen Praxis der Augsburger Stiftskirchen entstanden sein dürften. Es handelt sich vor allem um zwei dreiteilige Zyklen. Der erste, die „Modi sacri sive cantus musici, ad Ecclesiam Catholicae usum“ (1. Teil 1600, 2. Teil 1604, 3. Teil 1611 in Augsburg gedruckt), enthält vier- bis zehnstimmige Motetten, großenteils auf liturgische Texte (Gradualien, Responsorien, Antiphon), jedoch ohne die Verwendung gregorianischer Melodien. Manche der großbesetzten Stücke sind nach venezianischem Vorbild doppelchörig gesetzt und zeigen die ganze Prachtentfaltung des frühbarocken mehrchörigen Concerto-Stils, der erst durch die Hinzunahme von Instrumenten (vor allem Streicher und Posaunen) die volle Farbwirkung erhält. Schlichter gehalten ist der Proprienzyklus „Modorum sacrorum tripertitorium“ (1. Teil 1604, 2. und 3. Teil 1606 gedruckt in Dillingen). Es handelt sich um fünfstimmige Cantus firmus-Vertonungen der Propriumsgesänge Introitus, Alleluja und Communio für die Hochämter der Sonn- und Feiertage des Kirchenjahres. Ausgelassen sind die Offertorien, die damals häufig durch Motetten mit freigedichteten lateinischen Texten ersetzt wurden.

In seinen späteren Werken, die einzeln in gedruckten oder handschriftlichen Sammlungen überliefert sind, hat sich Erbach auch der geringstimmigen Kompositionsweise mit Generalbaß nach dem Vorbild der „Concerti ecclesiastici“ des Franziskaners Ludovico Grossi da Viadana gewidmet. Obwohl stark in der Tradition verhaftet, zeigt er sich hier der neuen Stilentwicklung gegenüber aufgeschlossen. Durch seinen Schüler Daniel Bollius hat diese später auch in der Mainzer Heimat Erbachs Fuß gefaßt.

Erstveröffentlichung: Friedrich W. Riedel, Christian Erbach. Zum 350. Todestag des Meisters aus Gau-Algesheim, Heimatjahrbuch Landkreis Mainz-Bingen 1985, 110-114

 

Ludwig Hellriegel (1995)

Alles bisher über Christian Erbach Veröffentlichte hat die Ergebnisse der Forschungen des Mainzer Prälaten Prof. Dr. Adam Gottron zur Grundlage. Inzwischen ist Neues zu Christian Erbach aufgetaucht, wert aus An-laß seines 425. Geburtstages und des fünfzigjährigen Bestehens des Christian-Erbach-Chores Gau-Algesheim festgehalten zu werden. 1992 meldete sich nämlich beim Vorsitzenden dieses Chores ein Nachfahre Christian Erbachs: Bernhard Erbach, Sinsheim, der zusammen mit seinem 1986 verstorbenen Vater in jahrelanger Forschungsarbeit etliche Details zur Familie der Erbachs entdeckte, so ein wichtiges, bisher unbekanntes Dokument im Staatsarchiv Würzburg, die Entlassung Christian Erbachs aus der kurmainzischen Leibeigenschaft. Wörtlich heißt es da: „lst Christian Erbacher, Bertholt Erbachers Sohn zu Gau-Algesheim, welcher sich in des Heiligen Reichs Statt Augsburg eheliche verheuratet, seiner Leibeigenschafft gnediglich erlaßen und ledig gezehlt worden, De dato Mainz dritten Julij, Anno Domini Millesimo Sexcentiesimo Secundo“ (1602).

In der knappen Entlaßurkunde aus einem der immer noch unerschlossenen Mainzer Ingrossaturbücher wird der Vater Christian Erbachs, Berthold Erbacher, erwähnt. Dieser Berthold oder Bechthold wird 1609 noch einmal genannt. In einer Musterungsliste heißt es: „Bechthold Erbach, etwa 70 Jahre alt, langer Spießer mit Rüstung“. Er war noch keineswegs der älteste der gemusterten Männer. Eine Schwester Bechtholds übrigens, Margaretha, war 1593 aus der Leibeigenschaft entlassen worden. Hierzu heißt es im Ingrossaturbuch: „nachdeme Margaretha, Peter Erbachs nachgelassene dochter zu Algeßheim, under uns und unserm erzstifft geborn und uns mit leibaigenschafft zugethan, hat sie uns demütiglich gebetten, dieweil sie sich in die Churfürstl. Pfalz ehelichen verheyratet und zu Einsiedeln (wohl das heutige Dorf Einsiedlerhof bei Kaiserslautern) niedergethan, Bey solcher Leibaigenschafft gnediglichen zu erledigen, das wir ihre demütige bitt angesehen und gedachte Margarethen solcher Leibaigenschafft damit sie uns verwandt gewesen, uf einen gegenwechsel mit Elisabethen, Merten Schulers zu Sponßheim eheleiblichs dochter so aus der Chur Pfalz bürtig, und sich in unserm Ertzstiffl zu Trommersßheim niederzuschlagen vorhatt, ledig gesagt haben ...“

Wir erfahren hier also nicht nur Einzelheiten zu einer Entlassung aus der Leibeigenschaft, sondern es wird auch Peter Erbach, der Großvater unseres Komponisten genannt. Am 28. Dezember 1593 war Peter Erbach bereits verstorben, wie aus dem Zusatz „nachgelassene 'Tochter“ ersichtlich. Von diesem Großvater gibt es noch einiges zu sagen. In dem leider 1944 in Darmstadt verbrannten Pfarrzinsbuch, das wenigstens teilweise von verschiedenen Historikern ausgewertet worden ist, stand: „Peter Erbach, vid, Ao 43 pag 27“ [siehe 1543, Seite 27]. Peter Erbach hatte zur Unterhaltung der Gau-Algesheimer Kirche jährlich ein Kümpfchen Frucht und zwei Legel Wein abzuliefern. Statt dieser Naturalabgabe sollte er nun insgesamt 3 Heller geben.

Die Namensgebung nach Herkunftsorten erfolgte im wesentlichen im 14. und 15. Jahrhundert. Deshalb kann man annehmen, daß Peter nicht in Erbach im Rheingau geboren wurde, sondern, daß er vielleicht ein Nachfahre des Ulricus de Erppach war, der 1406 im Seelbuch der Mainzer Liebfrauenpfarrei als „fistulator“ (Pfeifer/Flötist) genannt wird. Er könnte auch ein Sohn des 1499 in einer Ober-Ingelheimer Gemeinderechnung erwähnten Henhin Erbach sein. Daß jedoch die Erbachs, die auch noch in Groß-Winternheim (Jacob von Erpach, 1543) und Ockenheim (Henrich von Erbach, 1597, Schulmeister) nachweisbar sind, ursprünglich aus dem Kurmainzer Dorf Erbach im Rheingau kamen, ist höchst wahr-scheinlich.

Der Lebensweg Christian Erbachs ist anderenorts bereits ausführlich gewürdigt worden, insbesondere sein Werk als Komponist. Neu ist die Erkenntnis, daß Erbach seine erste musikalische Ausbildung in seiner Heimatstadt Gau-Algesheim durch Johannes Hademer erhielt. Dieser war von 1570 bis 1607 hauptamtlicher Organist an der Gau-Algesheimer Pfarrkirche. Zum Lebensunterhalt bezog er die Einkünfte aus den beiden Altarbenefizien St. Johannes und St. Michael. Da nicht mehr, wie im vor¬ausgegangenen Jahrhundert, genügend Priester in Gau-Algesheim tätig waren, um den Gesang im Chor der Kirche zu pflegen, hatte man diesen Ausweg gefunden. Ein Laie hatte nunmehr für die Leitung des Gesangs im Chor und für das Schlagen der Orgel zu sorgen. Johannes Hademer konnte deshalb rechtens die Einkünfte aus den beiden Benefizien beziehen, die einmal für Altaristen (Priester) gedacht waren. Zusammen umfaßten diese Benefizien jedoch nur 20 Morgen Feld und ein Haus bei der Johanniskapelle Ecke Langgasse/Antoniusgäßchen, in dem Hademer mit seiner Familie wohnte. Es war demnach das ausgehende 16. Jahrhundert für Gau-Algesheim eine Zeit musikalischer Hochblüte, aber leider hat es nach Hademers Tod (1607) keinen hauptamtlichen Organisten mehr gegeben.

Hilfreich war es zweifellos, daß mit der Gau-Algesheimer Volksschule jeweils eine Lateinklasse verbunden war. So war es möglich, daß aus dem kleinen Amtsstädtchen zahlreiche Jugendliche in akademische oder - wie im Falle Christian Erbachs - künstlerische Berufe fanden. Von der Orgel, auf der Christian Erbach seinen ersten Unterricht erhielt, ist leider nichts bekannt. Dieses Werk ist wahrscheinlich beim Schwedeneinfall 1631, als die Pfarrkirche großen Schaden erlitt, verbrannt. Der Vorsängerchor, in dem Christian Erbach wohl als Knabe gesungen hat, hatte bis zum Jahre 1905 Bestand. Von dieser musikalisch fruchtbaren Zeit in Gau-Algesheim schreibt Erbach später: „ Er hat sich von jugent auf der lieben kunst der music beflissen.“ Inwieweit auch der Schulrektor Wigandus, der erst ab 1584 in Gau-Algesheim nachweisbar ist, auf Erbach Einfluß genommen hat, bleibt dahingestellt. Aus dem Besuch des Kaplans Gordianus Wigandus in Augsburg 1610 leitet Gottron die Vermutung ab, daß der Vater des Kaplans Er-bachs Musiklehrer gewesen sei. Sicher ist aber nur durch diesen einzigen Eintrag zu Christian Erbach in einem Gau-Algesheimer Pfarrbuch, daß er zeitlebens seiner Vaterstadt verbunden war. Das Wissen darum, daß dieser Gau-Algesheimer es zu Ruhm und Ehren in Augsburg gebracht hatte, war lebendig, obschon die gesamte Familie zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus Gau-Algesheim verschwand. Es muß auch für den Gau-Algesheimer Pfarrer Eugen Paulus wichtig gewesen sein, daß er von dieser Romfahrt des Kaplans Gordianus festhielt, dieser habe sich eine Weile „ Zu Augspurg apud Honorabilem Dominum Christianum Erbach, Organistam & Componistam“ aufgehalten.

Um 1618 war kein Namensträger Erbach mehr in Gau-Algesheim, wie aus der umfassenden Einwohnerliste dieses Jahres ersichtlich. Ein Thoma Erbach, der 1620 in Gau-Algesheim Ratsherr gewesen sein soll, entpuppte sich als Thoma Espach, ein Mann, der mit den Erbachs nichts zu tun hat. Von dem einzigen uns bekannten Bruder Christians wissen wir, daß er um 1595 nach Obertiefenbach zog und dort um 1600 die Margarethe Lang heiratete. Dieser Johannes Erbach war Schäfer, wie sein Schwiegervater Georg Lang in Obertiefenbach. Auch alle Vettern des Christian Erbach lebten verstreut in Gebroth, Nieder-Ingelheim, Hanau, Darmstadt, Mannheim oder Frankfurt. Es ist schwierig, die einzelnen Linien zu verfolgen; aber als am 17. Oktober 1993 Bernhard Erbach aus Sinsheim einen ausgezeichneten Vortrag vor Mitgliedern des Christian-Erbach-Chores und der Carl-Brilmayer-Gesellschaft im Pfarrer-Koser-Haus zu Gau-Algesheim hielt, da wurden sie alle lebendig, die Schäfer und Winzer, die Landwirte und Metzger, Tabakspinner und Schuhmacher, Kaufleute und Pastetenbäcker, Drechsler und Soldaten und vor allem der große Musiker Christian Erbach. Der Festredner und Sohn des Familienforschers Jakob Erbach ist selbst Nachkomme des Johann Erbach, des einzigen uns bekannten Bruders des Komponisten. Von Christian selbst sind bisher nur die Söhne Chrysostomus, am 10. August 1614 als Kind in Augsburg gestorben, und Christian bekannt. Dieser Christian Erbach II. wurde ebenfalls Domorganist in Augsburg, starb aber dort bereits am 23. September 1648.

Ob Christian Erbach mit seiner Frau Leonore, geb. Breschler, noch weitere Kinder hatte, läßt sich nicht nachweisen. Es besteht eine Vermutung, daß die im 18. Jahrhundert in Österreich, insbesondere in Wien auftretenden Namensträger, Nachkommen des Gau-Algesheimer Christian Erbach sind. Es waren im übrigen ebenfalls Musiker, vielleicht Nachkommen Christians II. (1603-1645), von dessen Kindern jedoch nichts bekannt ist. Es wäre aber durchaus möglich, daß sich in Augsburg, wo er von 1596 bis zu seinem Tod im Sommer 1635 lebte und wirkte, noch einiges über die Familie der Erbachs finden läßt. Merkwürdigerweise hat man an Christian Erbachs Wirkungsort seither weder die Erforschung seines Lebens noch seiner Werke sonderlich gepflegt. In Gau-Algesheim hingegen halten der Name einer Straße, der Hauptschule und vor allem des Katholischen Kirchenchores das Andenken an diesen großen Sohn einer kleinen Stadt wach.

Erstveröffentlichung: Ludwig Hellriegel, Neue Erkenntnisse zum Leben von Christian Erbach, Heimatjahrbuch Landkreis Mainz-Bingen 1995, 117-120

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