Carl-Brilmayer-Gesellschaft e. V.

Gedenkstätte in der Laurenzikirche

SCHICKSALE VON NS-OPFERN

Renovierte Gedenkstätte Laurenzikirche in Gau-Algesheim hält Erinnerung an Opfer der NS-Diktatur wach

„Wehret den Anfängen“ – das ist die Botschaft der Carl-Brilmayer-Gesellschaft (CBG), die mit der renovierten Gedenkstätte in der Gau-Algesheimer Laurenzikirche die Erinnerung an die Opfer von NS-Diktatur, Rassismus und Verfolgung von überzeugten Christen und Demokraten wachhalten will. Seit der Einrichtung 1986 durch Pfarrer Dr. Ludwig Hellriegel wird in der Kirche der Märtyrer aus der Diözese Mainz gedacht. Der CBG-Vorsitzende Dr. Michael Kemmer, Pfarrer Henning Priesel, Stadtbürgermeister Dieter Faust, die Chorgemeinschaft Cäcilia/Sängerlust mit Fritz Janz, die Familie Möbius und der Verein Kaffee Kaputt haben sich für Sanierung und Erweiterung der Gedenkstätte engagiert. In einer kurzen Serie zeichnet Klaus Rein für die ALLGEMEINE ZEITUNG – gestützt auf Arbeiten von Ludwig Hellriegel, Manfred Wantzen und Norbert Diehl – Schicksale von NS-Opfern aus der Region nach.

 

Teil 1


Unvorstellbare Qualen erlitten

AZ, 12. April 2013 - Richard Möbius, Goldschmied und hochdekorierter Offizier des Ersten Weltkriegs, lebt mit seiner Familie im Küsterhaus neben der Laurenzikirche. Zusammen mit seiner Frau Anna Helene und zehn Kindern gestaltet er als Protestant mit seiner katholischen Ehefrau ein christliches Leben. Er ist arbeitslos, hilft in der Landwirtschaft aus. Ein Kind stirbt nach einem Sturz, zwei Kinder erkranken an Kinderlähmung und sind behindert. Anlass für die Schergen des NS-Systems, die Kinder 1942 – Adolf ist neun Jahre alt, Emma ein Jahr jünger – aus ihrer Familie zu reißen und sie in die „Landespflegeanstalt Eichberg“ nahe Eltville im Rheingau zu verschleppen.

Adolfs und Emmas Leben gilt bei den Nationalsozialisten als „unwert“. Sie leiden an Unterernährung, fallen der Euthanasie zum Opfer, werden wie 430 weitere Kinder auf dem Eichberg durch Gift getötet. Richard Möbius will den Mord nicht hinnehmen, protestiert in der Öffentlichkeit, wird verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Er stirbt – 55 Jahre alt – am 2. Februar 1945 an den Folgen von Hunger und Misshandlung.

Leiter der „Kinderfachabteilung“ auf dem Eichberg ist der 1910 in Wiesbaden geborene Arzt Walter Eugen Schmidt. Im Juli 1945 von Alliierten verhaftet, steht er ein Jahr später im Eichberg-Prozess vor Gericht, wo Schmidt die eigenhändige Tötung von 30 bis 40 Kindern einräumt. Der Euthanasie-Arzt wird zu lebenslanger Haft verurteilt, 1947 ändert das Oberlandesgericht Frankfurt den Richterspruch in Todesstrafe ab. In zwei erneuten Korrekturen wird zunächst wieder auf lebenslanges Zuchthaus und 1951 auf zehn Jahre Haft erkannt. Schon 1953 kommt der NS-Verbrecher frei und arbeitet wieder als Arzt in Wiesbaden. Unbehelligt bis zu seinem Tod 1970.

Neun Jahre gehörte Dr. Friedrich August Bockius als Abgeordneter dem Reichstag an, ist Vorsitzender der hessischen Zentrumspartei. Der 1882 geborene Bubenheimer hat in Mainz eine Kanzlei eingerichtet und gilt als Anwalt der kleinen und armen Leute. Als im August 1944 im Rahmen der „Gewitteraktion“ ehemalige Abgeordnete aus Reichstag und Länderparlamenten inhaftiert werden, sitzt Bockius im Darmstädter „Rundeturm-Gefängnis“ ein. Der Häftling Johannes Wesp dankt später in einem Brief an die Familie Bockius für den Zuspruch des „Glaubensgenossen“ und ehemaligen Theologie-Studenten. „Er hat mich so vorbereitet für den eventuell gewaltsamen Tod“, schreibt Wesp.

Bockius wird am 10. Dezember 1944 in das KZ Sachsenhausen-Oranienburg gebracht, von wo er am 16. Februar 1945 mit weiteren 2 500 Häftlingen in das KZ Mauthausen transportiert wird. Vierhundert seiner Leidensgenossen erfrieren, als sie nach der Ankunft mit Wasser bespritzt werden und die Aufseher sie – wie aus den Quellen der Carl-Brilmayer-Gesellschaft hervorgeht – „bei zehn Grad minus die ganze Nacht über nackt in der Kälte stehen lässt“. Bockius überlebt die grausame Folter, erliegt aber am 5. März 1945 völlig entkräftet den Folgen einer Lungen-entzündung. (Klaus Rein)

 

 

Teil 2

Nach Predigt ins Gefängnis

Kaplan Schwenk unbeirrbar / SA-Überfall auf Sportwart Seibert / Küster Petri stirbt in Dachau

AZ, 18. April 2013 - Als junger Kaplan versieht der Odenwälder Karl Schwenk etliche Stellen in der Diözese Mainz. Zwischen 1911 und 1915 setzt Bischof Kirstein ihn in der Mainzer Pfarrei St. Christoph sowie in Heidesheim, Nieder-Olm und Dromersheim ein. Sein Weg führt ihn dann über Mainz-Kostheim und Oberhessen in die Diaspora-Pfarrei Lindenfels, wo Schwenk 70 Gemeinden zu betreuen hat.

Die Nationalsozialisten haben in der Bevölkerung des Odenwalds großen Rückhalt, doch Schwenk steht unbeirrbar zu seiner Ablehnung der NS-Ideologie. Ärger handelt er sich des Öfteren ein, weil er die Hissung von Hakenkreuz-Fahnen strikt ablehnt. Selbst die Ernennung zum Militärpfarrer bewahrt Karl Schwenk nicht vor der Bespitzelung – sogar Schulkinder werden ausgehorcht. Ins Gefängnis bringt ihn 1941 eine Predigt mit dem für jeden Zuhörer eindeutigen Satz: „Es sind nicht die schlechtesten Früchte, an denen die Wespen nagen!“ Ein kurzer Hafturlaub nach einer Blinddarm-Operation wird dem Pfarrer gewährt, doch vor der Rückkehr in die Darmstädter Haftanstalt erleidet Schwenk einen Schlaganfall und stirbt im August 1941 in Lindenfels.

Der 35 Jahre alte Rudolf Seibert, Lehrer in Sörgenloch, ist der SA ein Dorn im Auge. Er ist für den Mainzer Raum Bezirkswart des katholischen Jugendsportverbands DJK. In seiner Heimatgemeinde hat der 1898 in Nieder-Olm geborene Pädagoge ob seines konsequenten Eintretens für den Glauben und seine Sportlichkeit großen Einfluss auf die Jugend. Im Juli 1933 dringen nachts vier SA-Schergen in das Lehrerhaus ein, um Seibert einen „Denkzettel“ zu verpassen. Sie brechen Sprossen aus dem Geländer der Treppe und prügeln brutal auf Seibert ein, der schwere Verletzungen an Kopf und Brust erleidet.

Die Ehefrau versucht, Seibert zu helfen, aber vergebens. Nach Schutzhaft und Versetzung nach Nieder-Mörlen stirbt der Lehrer im Bad Nauheimer Krankenhaus. Ein Blutgerinnsel aus den Verletzungen verursacht eine tödliche Embolie – vier Monate nach der feigen Tat. Sein Heimatpfarrer sagt in der Grabrede: „Rudolf Seibert musste einen Kreuzweg gehen.“ Die ihm anvertrauten Kinder habe der Lehrer nicht nur unterrichtet, sondern auch erzogen. Pfarrer Knußmann weiter: „Er erfüllte offen und ungescheut seine religiösen Pflichten.“ Wegen dieser Grabrede wurde der Pfarrer denunziert, zur „Behörde“ bestellt. „Man musste ihn jedoch wieder freilassen“, heißt es in einer Aufzeichnung von Pfarrer Dr. Ludwig Hellriegel, der die Gedenkstätte 1986 in der Gau-Algesheimer Laurenzikirche eingerichtet hatte.

Im Konzentrationslager Dachau verstirbt 1942 Johann Petri, der Küster der Mainzer Pfarrei St. Alban. Für den Orden der „Barmherzigen Brüder“ hatte der 1889 geborene Saarländer Schwerstbehinderte betreut. Nach der Auflösung seines Klosters wechselt Bruder Virgilius nach Mainz. Ganz in der Nähe von St. Alban will der Küster 1942 in der Bäckerei Schläfer einkaufen.

Im Laden der „gut katholischen“ Familie ist gerade eine Radio-Sondermeldung zu hören. Petri kommentiert: „ Ja, ja, im ersten Weltkrieg haben wir uns auch schon zu Tode gesiegt.“ Eine Kundin zeigt den Küster an, der erst ins Mainzer Gefängnis und dann in das Konzentrationslager Dachau kommt.

Dekan Gleich von St. Alban erhält bald darauf die Nachricht, Petri sei an einer Lungenentzündung gestorben. Der Bruder des Küsters, Pfarrer bei Düsseldorf, erhält ebenfalls eine Todesnachricht. Versehen mit der Anmerkung: „Gegen Einsendung von fünf Mark wird Ihnen die Asche des Verstorbenen zugesandt.“ (Klaus Rein)

 

Teil 3

Voller Abscheu über Diktator geäußert

Der Mainzer Lehrer Emil Darapsky wird hingerichtet / Sein Bodenheimer Kollege Anton Knab stirbt im KZ

AZ, 24. April 2013 - Zwei Lehrer – der Bodenheimer Anton Knab und der Mainzer Emil Darapsky – begegnen sich an der Realschule in Wöllstein. Knab, ein 1878 geborener Frontoffizier aus dem Ersten Weltkrieg, und der junge Darapsky, 1906 in der Domstadt geboren, werden zu Märtyrern. Knabs Leben endet 1945 im Konzentrationslager Dachau, Darapsky wird 1944 in Brandenburg hingerichtet.

Im Herbst jenes Jahres wird beiden in getrennten Verfahren der Prozess gemacht. Volksgerichtsrat Dr. Hermann Greulich verurteilt Darapsky zum Tod durch den Strang, doch Knab wird freigesprochen.

Assessor Darapsky, überzeugter Katholik wie Knab auch, war zuvor Aushilfslehrer unter anderem in Mainz und Sprendlingen. Aus gesundheitlichen Gründen entlässt die Wehrmacht den Mainzer, der nach Wöllstein versetzt wird. An der Schule wird Darapsky bespitzelt. In Briefen an seine Familie hat er die neuesten Witze über NS-Größen wiedergegeben. Und voller Abscheu äußert er sich über Hitler und den Krieg. Den Diktator bezeichnet Emil Darapsky als „Oberteufel“ und „Regisseur eines dämonischen Chaos“.

Denunziert von einem Kollegen, steht der Assessor zusammen mit seiner Schwester Elisabeth am 6. September 1944 nach elf Monaten Haft vor Gericht und wird am 30. Oktober 1944 in Brandenburg hingerichtet. Die Schwester, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, erklärt später: „Wir waren keine Widerstandskämpfer, wir waren gegen Hitler und das Regime – eine Meckerfamilie, wie es viele gab.“

Auch Anton Knab, als Offizier hoch dekoriert, wird Opfer eines Denunzianten. Er lehnt den Eintritt in die NSDAP ab. Noch ungestraft erklärt er: „Den Krieg gegen Russland können wir nicht gewinnen, typisch Gefreiter.“ Noch wagt niemand, den Frontoffizier anzutasten, trotz Aussage über Kriegsaussichten und Kritik an Hitler. Doch nach einer Rede zum Heldengedenktag wird Knab im November 1943 verhaftet – im Zusammenhang mit der Festnahme der Geschwister Darapsky. Knab wird zunächst freigesprochen. Quellen besagen, dass sein Anwalt eine Äußerung des Lehrers erfolgreich uminterpretiert. Man hatte Knab vorgeworfen, Hitler als „Satan“ bezeichnet zu haben. Der Anwalt: „Sie meinen doch sicher, der Hitler ist ein Teufelskerl.“ Auf dem Weg aus dem Berliner Gefängnis nach Wöllstein greift die Gestapo zu, verschleppt Knab ins KZ Dachau. Als Letztes hatte er bei Köln einen Zettel aus dem Zug geworfen. Bei der Arbeit bricht Knab am 14. März zusammen – ein Aufseher erschlägt ihn mit dem Spaten.

Zurück ins Jahr 1933 führen die Aufzeichnungen des damals 66 Jahre alten Gau-Algesheimers Heinrich Kraus. Nach Kriegsende erinnert er sich: „In der Nacht vom 30. Juni wurde ich durch Geschrei einer johlenden Menge, Schüsse und Zertrümmerung von Fensterscheiben durch Steinwürfe aus dem Schlaf geweckt.“ Als Kraus vor das Haus tritt, wird er von einem Unbekannten genötigt, in ein Auto zu steigen. Er wird „zunächst noch mit zwei weiteren Personen auf das Rathaus gebracht“, wie Kraus 1946 berichtet. Polizisten bringen ihn vom Gau-Algesheimer Rathaus in das Mainzer Untersuchungsgefängnis und am nächsten Vormittag in das KZ Osthofen. Dort bleibt Kraus drei Wochen in Haft. „Mit mir wurden in derselben Nacht noch weitere sechs Personen vom hiesigen Platz verhaftet“, erinnert sich Kraus, der sich mit keinem Wort zu seiner Behandlung in Osthofen äußert: „Die ganze Aktion wurde durch Binger SS-Leute ausgeführt auf Veranlassung der hiesigen Parteileitung der NSDAP.“

Der Terror nahm seinen Lauf, obwohl die Nazis bei der Reichstagswahl im März 1933 in Gau-Algesheim nur 26,6 Prozent der Stimmen erhalten hatten und die Stadt mit großer Mehrheit demokratische Parteien wählte. Das Zentrum kam auf 46,6 , die SPD auf 16,2 Prozent. (Klaus Rein)