Carl-Brilmayer-Gesellschaft e. V.

Landmarken - Landkarten

Der Gemarkungsplan trägt den Titel: Algesheimer Gemarck. Die beigefügte Erläuterungsskizze zeigt die Gau-Algesheimer Gemarkung maßstabsgetreu in der Ausrichtung des Mascopschen Planes ( etwa in Südostrichtung) ergänzt durch alle Originalbeschriftungen.

Wie bei allen übrigen Gemarkungskarten des Mascopschen Atlasses bildet auch bei dem Gau-Algesheimer Plan eine schematische Ortsansicht den Mittelpunkt, von dem aus die Straßen spinnennetzartig zu den Nachbardörfern ausgehen. Ähnlich markant sind auch die Bäche und Flüsse gezeichnet. Noch deutlicher und zusätzlich farbig hervorgehoben wurden jedoch die Grenzen zu den Nachbargemarkungen. Bemerkenswert ist hierbei, daß Mascop in einem seiner Erläuterungstexte zwischen inlendischen (d. h. Mainzer) Orten und auslendischen Nachbardörfern unterschied und damit einen fest abgegrenzten Territorialstaat voraussetzte, der die Herrschaftsgebiete anderer Fürsten als Ausland betrachtete. Die Dreigemärkersteine (Steine, bei denen drei Gemarkungen aufeinanderstoßen) wurden im Plan mit einem Tierkreiszeichen markiert. Diese Zeichen sind - wie die mit arabischen Ziffern gekennzeichneten Fluren - zeichnerische Identifikationsmittel für die angefügten schriftlichen Erläuterungen, welche nun wörtlich abgedruckt werden.

Gottfried Mascop hat in seinem Gemarkungsplan einige Besonderheiten besonders hervorgehoben. Hierzu gehören die drei Mühlen am Welzbach: die New Mul [= Neumühle oder Schloßmühle], welche auch auf dem Stadtplan eingezeichnet ist, die Ley Mul [= Layenmühle] und die Henrichs Mul [= Henrichs Mühle, später Rittersmühle und Bollersche Mühle]. Die beiden ersten waren Bannmühlen des Mainzer Erzbischofs, das heißt, die Gau-Algesheimer waren verpflichtet, ihr Getreide in diesen herrschaftlichen Mühlen mahlen zu lassen. Die Müller mussten das Korn in der Stadt abholen, wiegen, mahlen und das Mehl wieder zum Kunden bringen. Die Einnahmen flossen in die erzbischöfliche Kellerei und wurden dort verrechnet. 1668 bezog der Erzbischof 45 Malter Kornzins aus seinen beiden Mühlen. Die Henrichs Mühle, welche Mascop am ausführlichsten beschreibt, ging im 17. Jahrhundert in den Besitz der Junker von Schwalbach und im 18. Jahrhundert in das Eigentum der Freiherren von Ritter über.

Weit vor den Toren der Stadt stand am Wege in Richtung Bingen ein Hospital, welches auf dem Stadtplan Sighaus [= Siechenhaus] bezeichnet wird. In diesem wurden im Mittelalter Menschen mit ansteckenden Krankheiten untergebracht, um die Stadtbevölkerung vor Seuchen zu schützen. Die öffentliche Aussetzung erfolgte nach einem festen Ritus durch den Pfarrer. Mascop hat vor dem Siechenhaus drei Kreuze gezeichnet. Man darf wohl daraus schließen, dass die verstorbenen Kranken an Ort und Stelle und nicht auf dem Friedhof bei der Pfarrkirche bestattet wurden. Ähnliche Häuser für Seuchenkranke, die oft auch Gutleuthäuser genannt wurden, gab es auch bei Bingen (an der Drususbrücke), bei Gau-Bickelheim (an der Wallertheimer Brücke), bei Kreuznach (vor dem Rüdesheimer Tor), bei Oppenheim (vor dem Dienheimer Tor), bei Armsheim (am Weg nach Schimsheim), bei Alzey (an der Wormser Straße), vor der Stadt Mainz (an der Straße in Richtung Marienborn) und bei Flonheim. Alle lagen an Wegrändern, damit die Kranken Näpfe zum Sammeln aufstellen konnten.

An den Straßen nach Ockenheim, Sporkenheim und Ingelheim sowie vor der Neupforte (auf dem Stadplan eingezeichnet) wurden die Reisenden durch Schläge [= Zollschranken] aufgehalten. Die Gemeindeordnung von 1590 vermerkt zu diesen: Die Schläge, wie dieselben von alters her in der Gemarkung und am Flecken stehen, werden durch die Baumeister gemacht und in Bau und Handhabung gehalten und die Unkosten, so darauf geht, gebührlich verrechnet. Das Jurisdiktionalbuch von 1668 ergänzt: Den Zoll belangend, so hat unser gnädiger Herr [= der Mainzer Erzbischof] allhier ein Gülden-, Vieh- und Hauptzoll. Wer oder welche Wein oder Vieh und andere Waren vorübertreiben und -führen auf der Straße, auch an dem gemeinen Graben beim Straßenborn hin auf Bingen oder Mainz zu oder sonst durch die Gemarkung allhier treibt, der ist unserem gnädigsten Herren den Zoll davon zu geben schuldig, wie dann jeder Zeit durch einen Zöllner erhoben und verrechnet wird.

Nahe an der Gemarkungsgrenze stand an der Weggabelung nach Ober- und Nieder-Ingelheim das Gericht bzw. Halsgericht, d. h. der Galgen, welcher von der Gemeinde aufgerichtet und instand gehalten wurde. Die Todesurteile verhängte der Gau-Algesheimer Oberschultheiß im Namen des Mainzer Erzbischofs.

Etwas weiter in Richtung Sporkenheimer Hof zeichnete Mascop vier Zelte und entlang der Straße von Nieder-Ingelheim nach Bingen sieben Männer mit Pilgerstab und -hut. Es handelt sich - wie der Erläuterungstext ausweist - um Wallfahrer aus Ungarn, welche von den Gau-Algesheimern in Zelten und Hütten bewirtet wurden. Auf einem steinernen Stock präsentierte man ihnen zusätzlich (wohl in einer Monstranz oder einem Kelch) das Heilige Sakrament zur Anbetung. Die Ungarn-Wallfahrten sind schon im 12. Jahrhundert belegt. Sie erreichten ihren Höhepunkt im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit. Das Hauptkontingent der Pilger stellten die aus Deutschland ausgewanderten Siebenbürger. Ihr Weg führte über Wien, Linz, Passau, Regensburg, Nürnberg, Würzburg, Frankfurt, Mainz und den Rhein abwärts zum Hl. Dreikönigsschrein in Köln, zum Schrein mit den Kleidern der Gottesmutter Maria in Aachen und seit 1517 auch zum Hl. Rock nach Trier. Die Wallfahrten erfolgten in einem Siebenjahresrhythmus. Die letzte Ungarn-Betfahrt vor Mascops Aufenthalt in Gau-Algesheim fand im Jahre 1573 statt.

Die Gau-Algesheimer Gemarkung war von den umliegenden Gemeinden durch eine Landwehr (auch Landgraben genannt) abgeschirmt. Mascop zeichnete sie (allerdings nur auf der westlichen Seite) als breiten Graben, der beidseitig von einer Baumreihe begrenzt wird. Seine Gemarkungspläne von Ockenheim, Dromersheim und Dietersheim zeigen, daß ein weiterer Graben von Gau-Algesheim über Dromersheim entlang der Gemarkungsgrenze zwischen Dietersheim und Sponsheim bis zur Nahe zog. Der Landwehrbau setzte im Mainzer Erzstift Ende des 14. Jahrhunderts ein, entwickelte sich bis ins nachfolgende Jahrhundert und flachte dann wieder ab. Ähnliche Befestigungsanlagen schützten das Territorium des Mainzer Unterstiftes um den Bischofssitz Mainz, um Kastel und Hochheim sowie um den Rheingau. Nach dem Dreißigjährigen Krieg erlosch ihre militärische Bedeutung. Die Landwehren erhielten nun im waldarmen Rheinhessen als Holzlieferanten wirtschaftliches Gewicht.

(Gottfried Kneib: Stadt und Gemarkung im Atlas des Kartographen Gottfried Mascop, 1577, in: Gau-Algesheim. Historisches Lesebuch, 1999, 253-274) )

 


Befestigte Orte

Théatre de la guerre ou carte nouvelle «Cours du Rhin depuis Worms jusqu'a Bonne et les pays adjacens», Delisle, Guillaume (1675-1726), cartographe, Ottens, Josua (1704-1765) und Ottens, Reinier (1698-1750), geographes, Amsterdam, 1725-1750