Carl-Brilmayer-Gesellschaft e. V.

Eine Episode aus dem Revolutionsjahr 1848

von Rektor a.D. Georg Richtscheid (1931)

Die Mitteilungen stammen von einem Augenzeugen, dem vor einigen Jahren verstorbenen Herrn P. Fetzer, Sporkenheim, der damals ein Jüngling war. Er erzählte, daß die Freiheitsbewegung in Gau-Algesheim besonders lebhaft gewesen und besonders für die Jugend, die sich mit regem Interesse beteiligte, eine schöne Zeit war. Jeden Sonntag sei in der Nachbarschaft irgend etwas los gewesen, wo es viel zu sehen und zu hören gab. In manchen Orten waren Bürgergarden entstanden, im Volksmund „Berjergard“ genannt. An die Spitze stellten sich angesehene Bürger, Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer usw.

Auf dem Woog, der großen Wiese hinter dem Schloß, wurde ein Freiheitsfest abgehalten, bei dem eine österreichische Regimentskapelle, die Windischgrätzer Dragoner, in ihren schmucken Uniformen aufspielten. Ein bedeutender Führer der rheinhessischen Freischaren, wahrscheinlich der junge Rechtsanwalt Bamberger, sei von Mainz gekommen und habe dabei die Festrede gehalten. Es wurde weidlich auf Fürsten und Regierung geschimpft mit der Versicherung, daß endlich der Zeitpunkt gekommen sei, wo die Knechtschaft ein Ende nehmen müsse. Allenthalben wurde das Heckerlied von groß und klein gesungen, ein richtiger Schlager mit dem jedesmaligen Refrain: „Hecker, Struwe, Zitz und Blum, bringen alle Fürsten um“. Diese vier Männer, als wahre Volkshelden angesehen, sind die Führer des süddeutschen Volksaufstandes gewesen. Die Mannheimer Advokaten Hecker und Struwe, die Leiter der badischen Bewegung, Zitz der rheinhessischen und Blum der bayrisch-pfälzischen. Ihr Ziel war die Gründung eines deutschen Einheitsstaates in Form einer Republik, daß sich diesen Bestrebungen die Fürsten widersetzten, war selbstverständlich, denn sie hatten am meisten dabei zu verlieren.

Heute, 83 Jahre später, sind jene Ideen zum Teil verwirklicht. Eine Republik haben wir, aber leider noch keinen deutschen Einheitsstaat Die Gau-Algesheimer hatten das Heckerlied umgedichtet und örtliche Persönlichkeiten mit hineingezogen. Sie sangen: „Secker, Huber, Litz(ius) und Stumm, bringen alle Fürsten um“. Es waren dies besonders begeisterte Freischärler in unserer Gemeinde. Der Freiheitstaumel der Gau-Algesheimer ging so weit, daß man selbst kleine Buben in Freischärlertracht gesteckt hatte. Mit weißen Hosen, blauer Bluse und einem großen Schlapphut auf dem Kopfe, stolzierten sie auf den Straßen umher. Auch viele ältere Leute, insbesondere die Führer der Ortsgruppen und andere freiheitsbegeisterte Bürger trugen alltäglich diese Kleidung. Von den Dächern wehte die Fahne Schwarz-Rot-Gold und auf dem Marktplatz war eine kleine Kanone aufgestellt, als Symbol des Volksaufstandes. Die Bürgergarde von Gau-Algesheim stand unter dem Kommando des Hauptmanns M., eines der angesehensten Bürger des Städtchens.

An einem schönen Herbsttage des Jahres 1848 wurde die Garde durch Hornsignale und Trommelschlag zusammengerufen, um eine wichtige Kundgebung entgegenzunehmen. Die getreue Schar war alsbald auf dem Marktplatz versammelt, ein buntbewegtes Leben herrschte daselbst. Man sah eine Mischung von schwarzen Schlapphüten, hellen Turnerhosen, blauen Kitteln, Jagdflinten, Sensen, Äxten und dicken Knüppeln. Die Garde wurde noch verstärkt durch Handwerksburschen, die zufällig hier durchkamen und die willkommene Gelegenheit freudig benutzten. Sie wurden brüderlich aufgenommen und reichlich bewirtet. Man verabreichte ihnen die übliche Kriegskost Schwarzbrot, Käse, Wein und Schnaps und gab jedem ein altes Gewehr in die Hand, obwohl sie ein ganzes Hemd nötiger gehabt hätten. Der Herr Hauptmann in voller Uniform mit dem Heckerhut auf dem Kopfe war der erste auf dem Platze, wie es sich geziemt. Ein langer Schleppsäbel baumelte an seiner Seite; selbstbewußt stand er da und besah sich das bunte Gemisch. Da stiegen ihm allerhand Zweifel auf beim Anblick dieser Gesellschaft und er überlegt, ob er nicht seinen Plan aufgeben sollte. Doch er faßte Mut und hielt eine begeisterte Ansprache.

„Freiheitsbrüder!“ begann er. „Ich danke Euch für Euer zahlreiches Erscheinen, Ihr seid gerüstet zum Kampf gegen die Knechtschaft, seid berufen, heute Euren Mut zu zeigen. Ein Geheimnis habe ich die Ehre, Euch mitzuteilen. Es gilt, ein preußisches Pulverschiff zu erobern, das drüben auf dem Rhein vor Anker liegt. Dieses kostbare Kriegsgut will ich und meine Gard' dem preußischen Kartätschenprinzen abnehmen. Hoch, hoch die Republik!“ „Auf Brüder, greift zu Schwert und Strick, Denn Blut muß fließen, knüppelhageldick, Das Pulver trocken, schärft's Bajonett Und schmiert die Guillotine ein mit Prinzenfett.“ Mit diesem Vers eines Gedichtes, das ein freiheitlicher Gemütsmensch damals verfaßt hatte, war seine Rede zu Ende. Schreiend und johlend stimmte die kriegslustige Schar ein und lustig unter dem Gesang des Heckerliedes setzte sich der Zug, der dicke Hauptmann voran, in Bewegung gen Frei-Weinheim zu.

Auch die Schuljugend war stark vertreten, unter anderen ein 13jähriger schiefgewachsener Junge, Lenhard V. Er hatte zu Hause ein altes Gewehr gefunden und marschierte stolz in der vordersten Reihe. Der Herr Hauptmann wollte die jugendlichen Elemente ausscheiden, mußte aber der johlenden Menge kleinmütig nachgeben und sie mitziehen Lassen. So näherte sich der Zug der Tapferen allmählich dem Rheinufer. Da lag die kostbare Ladung, von weitem sichtbar, und sie sollte nun von der tapferen Garde im Sturm genommen werden. Aber, o weh, gar manchem fiel dabei das Herz in den Hosenboden, und als gar der Herr Hauptmann den Sturmangriff befahl, da wurde die Sache doch unheimlich, denn vom Schiff kam etwas Unsichtbares aber deutlich Hörbares herübergeflogen, das einem nur so um die Ohren pfiff. Aha! Was war das? Baff, baff, die Schildwache, mit der man nicht gerechnet hatte, begann auf die Stürmer zu schießen. Wie vom Teufel besessen, stoben die Helden auseinander, ergriffen die Flucht und eilten der lieben Heimat zu, froh, wieder heil und gesund bei Muttern angekommen zu sein. ‘S Lenhardsche, das bei dem Rückzug nicht so recht mitkam, wurde von einem kräftigen Gardisten auf die Schulter genommen und aus dem Feuer getragen.

Die Begeisterung war dahin, kleinlaut und beschämt kam man zu Hause an. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen; das heitere Vorkommnis wurde viel belacht. Der Herr Hauptmann warf Degen und Heckerhut ab, er schwor, sich nicht mehr an der Freiheitsbewegung zu beteiligen und das war sein Glück, denn mancher Führer und Volksheld wurde strengstens bestraft. Viele suchten ihr Heil durch Flucht ins Ausland, um sich der Bestrafung zu entziehen. Auch der praktische Arzt Dr. Sprender zu Gau-Algesheim, der wochenlang versteckt gehalten wurde, floh nach Amerika, wo er sich eine neue Existenz gründete und nie mehr in sein Vaterland zurückkehrte. Robert Blum wurde zum Tode verurteilt und standrechtlich erschossen. Bamberger aus Mainz war auch zum Tode verurteilt worden; er floh nach Paris, wo er sich bis 1863 aufhielt. Erst da erfolgte die Amnestie. Er durfte wieder zurückkehren, entwickelte sich zu einem bedeutenden Parlamentarier, der jahrzehntelang den Kreis Bingen-Alzey im Reichstag vertrat.

Aus: Gau-Algesheim. Historisches Lesebuch, 1999, S. 71-73.

 

 

Adam Karrillon und Gustav Wallenstein

(nd) Im Schuljahr 1868/69 war der Bäckersohn Gustav Wallenstein von der Volksschule Gau-Algesheim in die Tertia des Gymnasiums in Mainz gekommen. Der aus Waldmichelbach stammende Mainzer Arzt und Schriftsteller Adam Karrillon erinnert sich in seiner Autobiographie „Erlebnisse eines Weltenbummlers“ von 1923 an seinen Mitschüler Gustav Wallenstein.

Indessen war ich schlüssig geworden, daß ich Arzt werden wolle. Unendlich freute ich mich auf die Studentenzeit. Mein Vater hatte mir in verständiger Weise einen Einblick in seine Vermögensverhältnisse gewährt und mich wissen lassen, daß ich nicht allzusehr zu sparen brauche. So zog ich denn guten Mutes gegen Gießen hin. Einige meiner Mainzer Compennäler fand ich dort schon vor, und da diese sich der Burschenschaft angeschlossen hatten, so war es nur natürlich, daß auch ich diesem Bunde beitrat. Der Mann, auf den wir als unseren Führer und besten Fechter viel Vertrauen setzten, hieß Wallenstein. Leider kam ich mit ihm zu einem recht gespannten Verhältnis.

Um dies zu erklären, muß ich noch einmal um fünf Jahre zurückgreifen. Wallenstein war der Sohn eines Bäckers in Gaualgesheim. Er hatte sich zu Hause einige Vorkenntnisse im Lateinischen erworben und war zu uns ins Mainzer Gymnasium gekommen, als wir eben das bellum gallicum des Julius Cäsar zu lesen begannen. Professor Keller stand vor der Klasse und hatte uns in weitschweifiger Weise auseinandergesetzt, daß der Mensch im allgemeinen und der Gymnasiast im besonderen bestimmten Gesetzen unterworfen sei, die unter allen Umständen und unter allen Breitengraden unserer Erde nicht außer acht gelassen werden dürften. Als er mit seiner langatmigen Erklärung endlich fertig war, wandte er sich mit der Frage an Wallenstein: »Nun, du Neuzugetretener, sag' einmal, hast du dich auf die Lektüre des Julius Cäsar gehörig vorbereitet?« Der Aufgerufene bejahte und fing sofort mit lauter Stimme zu lesen an: »Gahlia est omnis divisa in partes tres.« Ein schallendes Gelächter erschütterte die ganze Klasse. Verdutzt hielt der blondgelockte Leser inne. Verwundert sah er sich um mit den wasserblauen Fischaugen. Hatte man ihn zum Besten? Warum lachten die Mitschüler? Die frechen Stadtbuben? Warum schmunzelte sogar der Lehrer selber? Herr Keller fühlte, daß außer ihm kein anderer hier Klarheit schaffen könne, und mit der Hand seinen Striefelbart streichend, begann er würdevoll die folgende Rede: »Nicht wahr, Wallenstein, du findest es unbegreiflich, warum deine Mitschüler lachen. Ich will es dir sagen, wenn du mir versprichst, dich für alle Zukunft einem Gesetze zu unterwerfen, das für jeden seine Gültigkeit hat, selbst für jene Menschen, die in Gauahlgesheim geboren wurden. Und dies Gesetz, verstehe mich wohl, es gebietet mit zwingender Notwendigkeit, daß ein Vokal, dem zwei Konsonanten folgen, unter allen Umständen kurz ausgesprochen werde. Es heißt also nicht, wie du gelesen hast, Gahlia sondern Gallia. Nun nachdem du solches gehört hast, wirst du nie mehr im Leben in die Versuchung kommen, dich gleicherweise an dem heiligen Geiste einer erhabenen Sprache zu versündigen. Frisch dran jetzt und übersetze ins Deutsche, was du soeben lateinisch vorgetragen hast.« Wallenstein besann sich nicht länger und brüllte los: »Ganz Gahlien ...« Weiter kam er nicht. Ein ungeheures Gelächter erfüllte den Saal. Federhalter trommelten von selber auf den Tintenfässern, Lineale tanzten auf den Bänken, Absätze schlugen den Takt zu einer Indianermusik auf dem Stubenboden. Alles war in Bewegung, alles im Wirbeln mit Ausnahme von zwei Menschen, die sich wie Schulze und Müller gegenüberstanden im Kladderadatsch. Der große Wallenstein war der eine und sein Klassenführer der andere. Lange freilich dauerte das bange Schweigen der beiden auch nicht, da fuhr der letztere los, und seine zornigen Worte kollerten kantig und scharf über seine Lippen: »Hat es je einen traurigern Beruf gegeben, als der des Lehrers ist? Bringt nicht der Steinhauer seine Steine klein, formt nicht der Grobschmied das Eisen, macht nicht der Wagner aus Krummholz den Radschuh? Einzig nur dem Lehrer ist es aufgespart, daß er keinen Erfolg von seiner Arbeit sehen darf. Was ist ein Sisyphus gegen unsereinen? O du Rindvieh im Quadrat, wie lange willst du das a im Worte Gallia ziehen? Etwa bis es zu einem Stricke wird, um dich dranzuhängen? Könnt' ich dich baumeln sehen wie das Feldhuhn an der Tasche des Jägers, meine Frau und Kinder wollt ich opfern und mich als Witwer mit dem Ovid in der Tasche durch das Leben schlagen, wenn ich nur deinem Anblick entfliehen könnte. Stammst du von einem Seiler ab, daß sich alles bei dir in die Länge ziehen muß?« Der Professor schwieg ganz erschöpft von einer solchen Expektoration klassischer Gedächtnisvorräte. Wallenstein selbst war wie ein Fernrohr in sich selber hineingesunken und saß zerschlagen wie die Tabakpflanze nach dem Hagelschlage still und traurig auf seinem Platz. Neben ihm aber war's derweilen lebendig geworden. Der Peter Eichhorn hatte angefangen, dem großen Übersetzer des großen Feldherrn mit den Absätzen die Waden zu bearbeiten. Auch stach er ihn unterm Tische mit dem Bleistift in die Schenkel. Kein Wunder, daß der Namensvetter des Friedländers endlich aufgeregt und zapplig wurde. Der Klassenführer aber nahm dies unruhige Wesen seines Schülers als eine Auflehnung gegen seine Worte hin und schickte den Interpreten des krummnasigen Römers vor die Tür. Während Wallenstein extra muros lebte, hatte sich über ihn und seine Taten bereits die Satire hergemacht und ihn selber umgetauft. Als er in der Zehnuhrpause wieder vor seinen Mitschülern erschien, war er etikettiert und gestempelt. Er hieß von da ab nicht mehr Wallenstein, sondern nur noch der Gahlier, wie er sich auch mit Fußtritten und Faustschlägen gegen diesen Namen zu wehren suchte.

Von Mainz nach Gießen war ein weiter Weg, und Wallenstein durfte wohl hoffen, daß ihm sein Spitzname nicht nachfolgen würde auf die Universität, zumal da er jetzt in der Lage war, jede ihm angetane Schmach mit der scharfen Schneide des Schlägers zu rächen. Und doch, Wallenstein hätte leichter wie der Schmetterling seine äußeren Formen abwerfen können als seinen Spitznamen. Eines Tages war er wieder da, der unleidliche Gahlier. Von wem war der Name hereingetragen in die Kneipe der Alemannen? Wallenstein hatte mich in Verdacht, und es kam zu einer wüsten Szene zwischen uns beiden. Wenig fehlte, und ich wäre aus der Burschenschaft hinausgeflogen, ohne daß Wallenstein davon einen Vorteil gehabt hätte, denn der Name hing nun einmal an ihm, und er begleitete ihn sogar ins Philistertum hinüber. War ich späterhin imstande, mir den blondlockigen Notar vorzustellen, ohne daß der Name Gahlier mir in den Sinn gekommen wäre? Es war unmöglich, ja der Name überdauerte sogar seinen Inhaber, wie sich sogleich zeigen soll. Gehe ich da eines Tages zu Worms von der Martinskirche nach dem Obermarkte zu an dem Eisengitter eines Vorgärtchens entlang.

Bei meiner Seele Seligkeit, ich dachte an nichts so wenig als an Gallien und all die Völker, die seine Grenzen einst bevölkerten, und doch mit einem Male standen Büffel, Auerochsen und römische Krieger wieder vor meiner Seele, und zwar beim Anblick eines kleinen Schildes, das die Aufschrift trug: Gustav Wallenstein, Großherzoglicher Notar. Der »Gahlier« mußt' ich denken, und ich hätte nichts anderes denken können, selbst nicht an Reue und Leid über meine Sünden, und wenn mir einer das Messer an die Kehle gesetzt hätte.

Also lebt er noch, so folgerte ich aus dem Blechschild weiter, und da gerade in einem Fenstergewand des unteren Stockwerkes ein Dienstmädchen mit einem Putzlappen herumgeisterte, so faßte ich mir ein Herz und rief der Küchenfee entgegen: »Mein Fräulein, ist der Gahlier zu Hause?« Ich weiß nicht, ob das ominöse Wort begriffen war oder nicht. Ich merkte nur, wie das Mädchen mich mit leeren Augen fragend ansah, und ich verbesserte meine Rede und fragte, ob der Herr Notar zu Hause sei, und erhielt als knappe Antwort das Wörtchen: »Nein!« »So ist er ausgegangen – verreist?« »Nein!« »Aber wo steckt er denn, Fräulein, wenn er nicht zu Hause, nicht in der Stadt und nicht in der Fremde ist?« »Im Grabloch,« sagte die ländliche Schöne und putzte gefühllos an einer Fensterscheibe weiter. »Im Grabloch!« Wie dieses Wort mich doch erschüttert hat! Im Nu stand ein Dutzend Menschen um mich herum, die alle einmal mit mir jung und fröhlich und jetzt tot waren.

Aus: Adam Karrillon, Erlebnisse eines Erdenbummlers. Ein Odenwälder Roman (Autobiographie), Kapitel 6, S. 34-37, Berlin 1923

Gustav Wallenstein

  • geb. 1854 in Gau-Algesheim
  • Schuljahr 1866/67 Eintritt in die Tertia des Großherzoglichen Gymnasiums zu Mainz
  • 11. August 1873: Abitur am Großherzoglichen Gymnasium zu Mainz,  angestrebtes Berufsfach: Jura
  • Studium an der Großherzoglich Hessischen Ludwigs-Universität Giessen von WS 1873 - WS 1878
  • Dr. jur., Gerichtsassessor in Mainz
  • 14.10.1885 Notar zu Bechtheim
  • 20.10.1888 Notar zu Osthofen
  • 07.12.1898 Notar mit Amtssitz Worms
  • Wohnung: Worms, Martinsgasse 3

Quellen: Schulprogramm des Großherzoglichen Gymnasiums zu Mainz, 1866/67 und 1872/73  - Regierungsblatt 1885, Beilage 26, S. 196  - Regierungsblatt 1888, Beilage 28, S. 207 - Regierungsblatt 1898, Beilage 32, S. 278

Was einem in Gau-Algesheim passieren kann

Laut Ortsschildern ist Gau-Algesheim eine Stadt, aber wenn Sie über ihre Lage nicht zweifellos orientiert sind, so brauchen Sie sich Ihrer geographischen Kenntnisse noch nicht zu schämen. Es liegt „driwwe im Hessische“; genau zwischen dem goldenen Mainz und dem wegen seiner weiblichen Schönheiten berühmten Bingen. Diese beiden Städte für die Fremden in nähere Fühlung zu bringen, hat der Rheinische Verkehrsverein neuerdings den linksrheinischen Rheinhöhenweg von Bingen bis Mainz verlängert.

Ob diese Strecke freilich sich besonderer Beliebtheit erfreuen wird, möchte ich bezweifeln; denn wo keine Wälder sind - und die sind hier nur sehr spärliche vorhanden - kann selbst der Verkehrsverein keine schattigen Wege schaffen. Sonnige Landstraßen und Feldwege, die nach Regen durch einen hervorragenden Schmutz sich auszeichnen, pflegen trotz einiger Aussichten den Wanderer kaum anzuziehen. Nun also dieses Weges zog ich gleichwohl; von Gonsenheim nach Heidesheim, wo er durch Kiefernwälder führt, ist er sogar ganz hübsch. Von hier war ich dann von Wackernheim nach Ober-Ingelheim dann an dem Bismarcksturm vorbei über die Höhe nach Gau-Algesheim gewandert.

Als ich arglos durch die Straßen dieser Stadt schlenderte, trat ein Herr auf mich zu, der sich als Bürgermeister der Stadt vorstellte und der mir allerdings in höflicher Form begreiflich machte, daß ich „hinreichend verdächtig“ sei, den Bestand des deutschen Reiches zu gefährden. Denn es sei ihm gemeldet worden, ich hätte mir auf der Höhe über Gau-Algesheim „Aufzeichnungen“ gemacht. Das konnte ich allerdings nicht leugnen. Ich sagte ihm, daß ich die Gewohnheit hätte, einen Rheinführer herauszugeben und zu dessen Vervollständigung das neue Stück des Rheinhöhenweges zum Zwecke der Beschreibung abgegangen sei. Mit dieser Aufklärung war der Herr vollkommen zufrieden; er bat die Belästigung zu entschuldigen, und nachdem ich ihn wegen der Vortrefflichkeit seines Meldedienstes beglückwünscht und er mir Aufschlüsse über die Fortsetzung des Weges mitgegeben hatte, trennten wir uns höchst friedlich.

Von Gau-Algesheim geht es weiter über zwei Landstraßen nach dem Laurenziberg. Die Sonne brannte; ich ging in Hemdsärmeln, geriet aber bei dem anhaltenden Steigen gleichwohl in Schweiß. Schon winkte der Ort, der Erfrischung versprach, in greifbarer Nähe, da höre ich hinter mir ein Keuchen und Hasten über die neubeschotterte Straße. Ein Mann in Uniform strebte offenbar, nur bedeutend intensiver als ich, dem gleichen Ziele zu. Ich hielt ihn für einen Gerichtsvollzieher; seine Eile ließ darauf schließen, daß er sich einer beweglichen Sache zu versichern hatte. Und in dieser letzten Annahme hatte ich mich allerdings nicht getäuscht. Nur war mir nicht in den Sinn gekommen, daß diese bewegliche Sache - ich selbst war. Der Mann war der Polizeidiener von Gau-Algesheim und hatte den strikten Auftrag, mich nolens volens auf die Bürgermeisterei zurückzubringen. Diese Sache ging mir denn doch über den Spaß. Das Hin und Her kostete mich zwei Stunden Marsches und ich war durchaus nicht gewillt, dieses Opfer zu bringen, nur weil irgend jemand auf die Idee verfallen war, ich hätte angeblich Befestigungen, von denen ich keine Spur gesehen hatte und deren Existenz mir jetzt noch rätselhaft sind, abgezeichnet.

Der Polizeidiener von Gau-Algesheim ist höflich, aber bestimmt, und er hätte gutwillig von seinem Opfer nicht gelassen, wer von uns beiden bei einem Handgemenge vermutlich auf dem Platz bleiben würde. Er war stämmig, für ihn sprach die größere Jugend, für mich die offenbare Erschöpfung meines schweißüberströmten Gegners. Ein Schießgewehr oder ein Säbel, der sticht, waren nicht vorhanden. Präliminarien hatten keinen Erfolg; gleich Thoas und der Iphigenie sprach ich vergebens viel um zu versagen, der andere hört' von allem nur das Nein. Dennoch hatte ich den Erfolg, daß wir zusammen bis zu dem nahen Laurenziberg gingen, um dort an den Bürgermeister zu telephonieren. Ich hatte Glück; ein paar Minuten später und die Telephondienststunden, die auf dem Lande den Fernsprecher zu einer häufig problematischen Einrichtung machen, wären zu Ende gewesen. Dann hätte die Gewalt entscheiden müssen.

Mit dem Bürgermeister war ich gleich wieder d'accord. Offenbar hatte die Stelle, die ihn auf mich aufmerksam gemacht hatte, auf den Braten, der ihr vielleicht schon eine Orden Pour le merite vorgaukelte, nicht so ohne weiteres verzichten wollen. Ich mußte mich legitimieren! Bei der Bureaukratie ist es üblich, daß, wenn sie etwas von einem Bürger wissen will, sie ihn einfach zu sich hin befiehlt, statt ihn aufzusuchen, und so war es auch in meinem Fall. Statt daß derjenige, der an meiner Legitimation ein Interesse hatte, mir nachgefahren wäre, wurde mir zugemutet, einen anderthalbstündigen Weg zu machen! Ich tutet also meinen Namen und was dazu gehört in das Telephon, was am jenseitigen Ende des Drahtes protokolliert wurde.

Dann wurde mir gestattet, mich dem Polizeidiener gegenüber zu legitimieren. Der machte freilich ein erstauntes Gesicht, als ich ihm eine mit gestempelter Photographie versehen, von dem Polizeipräsidenten meines Wohnortes unterschriebene Karte zeigte, in der den Polizeiorganen anbefohlen wurde, dem Inhaber möglichst entgegenzukommen! Nun schloß ich auch mit diesem Teil der Obrigkeit Frieden und statt mit Fäusten maßen wir uns mit den Weinschoppen. Ich hebe noch einmal hervor, daß die Personen, mit denen ich bei dem Erlebnis zusammenkamen, durchaus höflich und sachgemäß vorgegangen sind; es liegt nur an dem System, wenn solche Belästigungen vorkommen können. Es genügte nicht, daß ich eine ad oculos demonstrierte Aufklärung über meine Aufzeichnungen gab, die ihre völlig Harmlosigkeit bewiesen, ich mußte mich noch nachträglich legitimieren. Und wenn ich das nicht gekonnt hätte? „Drum, Wanderer, kommst du nach Gau-Algesheim, steck eine Legitimation dir ein, wie das Gesetz es befiehlt!“

Kölnische Volkszeitung 21. Mai 1913

Aus: Gau-Algesheim. Historisches Lesebuch, 1999, S. 92 f.