Carl-Brilmayer-Gesellschaft e. V.

600-Jahrfeier 16.-18. Juli 1955

Die Stadt und ihre Bevölkerung begingen im Saalbau Kühn den Jahrestag der Stadtrechtsverleihung am 11. Februar 1955, bei der die von Prof. Dr. Anton Ph. Brück verfasste Festschrift an Bürgermeister Wilhelm Bischel übergeben wurde. Vom 16.-18. Juli 1955 feierten die Stadt und ihre Gäste das Ereignis in einem Festzelt hinter der Volksschule. Die von Martin Hassemer verfassten Texte und Verse des "Festlichen Nachmittags" zierten literarischen Juwelen gleich die Stadt, ihre Bewohner, Einrichtungen und Traditionen.

 

 


Werner Kirchner in der "Allgemeinen Zeitung"

Für die „Allgemeine Zeitung“ berichtete der Lokaljournalist Werner Kirchner über die 600-Jahrfeier der Stadt Gau-Algesheim vom 16.-18. Juli 1955.

Ministerpräsident Peter Altmeier: „Eine vorbildliche Feier“

Zum eigentlichen festlichen Höhepunkt des Jubiläumsjahres stimmten Landrat Anton Trapp, von 1931-1933 erster hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt, und Bürgermeister Wilhelm Bischel die Gau-Algesheimer wie die Kreisbevölkerung in ihren Grußworten ein. Landrat Trapp: "Am Wochenende erreicht das Gau-Algesheimer Stadtjubiläum seinen Höhepunkt. Eine kleine Stadt mit großer Vergangenheit beweist uns die Kraft eines überschaubaren, von Generationen und Jahrhunderten geprägten kommunalen Organismus mit eigener Individualität. Hier ist noch lebendig, was in größeren, zusammengewürfelten Flächenstädten in der Vermassung untergegangen ist: Zusammengehörigkeitsgefühl und Bürgersinn. Die Kreisgemeinschaft ist stolz auf ihre Stadt Gau-Algesheim, die stets nach innen Initiative und Tatkraft mit der Kunst des Maßhaltens verbunden und nach außen geradezu ein vorbildliches Verantwortungsbewusstsein für das größere Ganze bewiesen hat. Bevölkerung und Verwaltung des Landkreises Bingen fügen daher freudig in den großen bunten Festtagsstrauß die Grüße der Heimatlandschaft ein: Glückauf, du traute kleine Stadt am Rhein!" Bürgermeister Bischel: "600 Jahre Stadt Gau-Algesheim.

In dieser knappen Überschrift liegen eingeschlossen Aufstieg und Niedergang, Kommen und Vergehen, Freude und Leid, Frieden und Krieg als eine lange wechselvolle Geschichte unseres seit alten Zeiten bestehenden Gau-Algesheim. Die 600-jährige Wiederkehr des Tages, an dem Karl IV. zu Pisa dem Dorf Algesheim gestattete, es mit Mauern und Gräben zu umgeben und mit allem, wie es notwendig scheint, rüsten, befestigen und bebauen zu können und es zur Stadt erhob, ist für uns nicht nur ein freudiger Anlass, sondern eine historische Verpflichtung, dieses Ereignis würdig zu begehen... So wollen wir in den Tagen vom 16. bis 18. Juli 1955 die 600-Jahr-Feier der Stadtwerdung begehen."

Es sollten glanzvolle Tage werden. Die Festtage wurden mit einem Requiem für alle Verstorbenen eingeleitet, das die gebürtigen Gau-Algesheimer Pfarrer Georg Dengler und Philipp Waldhelm zelebrierten. Bei einer anschließenden Kranzniederlegung auf dem Friedhof gedachte man aller Verstorbenen und Gefallenen der Stadt, "die in vielen Ahnenreihen ... zum Wohl und für die Zukunft ihrer Familien und ihrer Vaterstadt wirkten". Pünktlich um 18.00 Uhr erklangen über das erste Programm des Südwestfunks in den meisten Häusern die Klänge der Gau-Algesheimer Kirchenglocken. Ihnen kam an diesem Tag eine besondere Bedeutung zu: Sie grüßten alle Freunde und Bekannte der Stadt allüberall. Am Abend startete dann der "fröhliche Auftakt der 600-Jahr-Feier" - ein bunter Heimatabend, veranstaltet von der Stadt unter Mitwirkung bekannter Solisten des Südwestfunks und der Polizeikapelle Rheinland-Pfalz. Das Festzelt hinter der Volksschule war bis auf den letzten Platz besetzt. Das vielseitige und ansprechende Programm begeisterte die Besucher. Als einziger einheimischer Verein wirkte der Gesangverein Cäcilia 1848 e.V. in der Abendveranstaltung mit. Nach dem Glockenläuten am Morgen des Festsonntags traf bald Ministerpräsident Peter Altmeier zur kurzen Begrüßung durch Bürgermeister, Landrat und Ratsmitglieder im Rathaus ein. Währenddessen hatten sich die Vereine mit ihren Fahnen zur Kirchenparade in der Langgasse versammelt. Schwungvoll begleitet von der katholischen Kirchenmusik zogen sie zum Marktplatz und lösten sich zur Teilnahme an den Gottesdiensten in den beiden Kirchen auf. Die Festpredigt in der katholischen Kirche hielt Pfarrer Franz Hessel. Er erinnerte die Gläubigen an die christliche Vergangenheit der Stadt und die Glaubenstreue ihrer Väter und ermahnte, diesen Geist zu erhalten und kommenden Generationen zu vermitteln. Im Anschluss verfolgten beifallsfreudig zahlreiche Zuhörer das Platzkonzert der Landespolizeikapelle auf dem Marktplatz. Am frühen Nachmittag gab die Stadt im Rathaus einen offiziellen Empfang für Ministerpräsident Peter Altmeier. Zu den vielen Ehrengästen zählten auch die Deutsche Weinkönigin Erika Hofmann und die Rheinhessische Weinkönigin Hildegard Klesy. Anschließend folgte unter Führung von Werner Gondolf ein Gang durch die Ausstellung "Aus Geschichte und Kultur unserer Heimat", die eine uneingeschränkte Anerkennung und Würdigung der Gäste fand.

Im Festzelt begann am Nachmittag der Festakt mit einer Aufführung von "König Heinrichs Aufruf und Gebet" aus Lohengrin durch die Polizeikapelle des Landes Rheinland-Pfalz. Darauf sangen die drei einheimischen Gau-Algesheimer Gesangvereine den Choral "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". Ein besonderer Willkommensgruß des Bürgermeisters galt dem Vorstadtdezernenten der Stadt Frankfurt/Main, Brisbois, der als Vertreter von Oberbürgermeister Kolb für die Zwillingsstadt Höchst zum Stadtjubiläum gekommen war. Ministerpräsident Peter Altmeier würdigte in seiner Festansprache die Bedeutung einer Kleinstadt, wie sie Gau-Algesheim darstellt, im Rahmen der Kommunalpolitik auf Landes- und Bundesebene. Anerkennend wurde festgestellt, dass die Rede ganz auf Gau-Algesheim zugeschnitten war und eine intensive Beschäftigung mit ihrer Geschichte verriet.

Nach einem Grußwort des Landrats leitete die Polizeikapelle zum "Festlichen Nachmittag" über, der von Martin Hassemer geschrieben und gestaltet wurde. Im Dialog zwischen den Schauspieler Fritz Bockius und dem einheimischen Josef Schmitt entwickelte sich eine Programmfolge, die auf die Wiedergabe eines naturgetreuen Bildes der Stadt und der Mentalität ihrer Bevölkerung zielte. Bockius als zeitloser "Alter" und Josef Schmitt als zeitnaher "Schote" gewährleisteten aus eigner Kenntnis der einheimischen Atmosphäre den harmonischen Kontakt zwischen den Darbietungen und der aufmerksamen Zuhörerschar. Klaus Witte in der Figur eines Lautensängers des 14. Jh. mit einer Parodie auf die Gau-Algesheimer Stadtwerdung und Hildegard Burkart mit der Rezitation "Gau-Algesheim, wie schön bist du" (am Flügel von Heinrich Gros unterstützt) ernteten für ihre Darbietungen reichen Beifall. Nicht weniger Anklang fanden mit fabulierenden Versen aus vergangenen Zeiten Maria Heinrich („De Schatz am Graulturm“) und Philipp Link („Nachtwächter-Episode“). Günter Hattemer ("Unser Berg") und Christa Bolenz ("Unser Blumme") ließen die heimatliche Flur und ihre Blumen in Kindergedichten von Martin Hassemer erstehen. Ein großer Kinderchor mit Flötengruppe fand mit einer Frühlingskantate unter Leitung ihrer Lehrer Anklang. Mit Beifall wurde die von Lehrerin Regina Bormuth einstudierte Volkstanzgruppe der Landjugend bedacht, die Art und Wesen ländlicher Volkssitten darstellte. Mit den Chorsätzen "Der Schäfer", "Weinlied" und "Sommersonntag am Rhein" (mit ausgezeichneten solistischen Partien von Ingrid Avenarius-Herborn, Sopran, und Fritz Rohleder, Bariton) trugen der Männergesangverein 1881 e.V. und das Männer-Quartett Sängerlust 1922 e.V. zum Gelingen dieses festlichen Nachmittags entscheidend bei.

Mit einer Tanzveranstaltung am Abend klang dieser große Tag aus. Die Tanzveranstaltung wurde vornehmlich von der Jugend besucht. Trotz der Hitze hielt man bis in die frühen Morgenstunden aus und feierte stimmungsvoll. Der Montag gehörte wie häufig bei Volksfesten der einheimischen Bevölkerung. Man nahm sich Zeit zum Besuch der landwirtschaftlichen Ausstellung und Lehrschau, die über das ganze Wochenende präsentiert wurde. Besonderes Interesse fand die Vorführung einer Schädlingsbekämpfung vom Hubschrauber aus, die in der Gemarkung Hippel erfolgte.

Zum Frühschoppenkonzert mit der katholischen Kirchenmusik traf man sich wieder im Festzelt. Im Hof der Volksschule sowie vor und innerhalb der Turnhalle waren Vertreter verschiedener Ausstellungsfirmen besonders am Montag mit Vorführungen und Informationen für zahlreiche Interessenten der landwirtschaftlichen Bevölkerungskreise beschäftigt. Unter der maßgeblichen Leitung von Johann Krichten wurde am Nachmittag im Festzelt ein Volksfest gefeiert. Das Programm bestritten die Kirchenmusik sowie die Jugendriegen des Turnvereins Eintracht 1880 e.V., die Mannschaften des Radsportvereins 1898 e.V. und der Gau-Algesheimer Gesangvereine. Kinder und Jugendliche kamen mit frohen Spielen und munteren Wettkämpfen auf ihre Rechnung, während die Alten die Stunden beim zu Neige gehenden Jubiläumsfest mit einem guten Glas Wein und schmackhaften Leckerbissen nutzten.

Am Montagabend klang das sehr ereignisreiche Festwochenende bei gutem Besuch mit einem gemeinsamen Tanz nach den Klängen der Kirchenmusik im Festzelt harmonisch aus. Die „Staatszeitung“, das Organ der Landesregierung Rheinland-Pfalz, brachte in der Ausgabe vom 24. Juli 1955unter der Überschrift "Ein stolzer Tag für Gau-Algesheim" eine Würdigung des „Festlichen Nachmittags“. Sie soll stellvertretend für viele positive Kommentare als Nachklang zur 600-Jahr-Feier stehen: „Nachdem die Grüße und Wünsche ausgesprochen waren ..., wickelte sich ein so reizvolles Programm ab, dass allen Besuchern des Festaktes die Stunden trotz der drückenden Hitze im Flug vergingen. Die Art, wie man dieses heimatliche Fest beging, ist als geradezu vorbildlich zu bezeichnen. Ein Zwiegespräch zwischen einem ‘Alten’ und einem Gau-Algesheimer ‘Schote’ zog sich als roter Faden durch die Folge, in der Vorträge von großen und kleinen, Ballett- und Volkstanzdarbietungen, ein Schülerchor, Männerchöre und Sologesang, gemeinsam gesungene Lieder und musikalische Darbietungen der bewährten Polizeikapelle von Rheinland-Pfalz in vielfältiger Form der Heimatliebe huldigten. Besonderen Eindruck machten die schönen Gedanken und die ausgezeichnet formulierten Verse. Gau-Algesheim kann auf diese Feier wirklich stolz sein. ... Allerdings - Gau-Algesheim hat in seinem Bürger Martin Hassemer, der für die Texte sowohl als auch für die Regie verantwortlich zeichnete, ein hervorragendes Talent aufzuweisen.“